Neue Erinnerungen: Urenkel von verfolgtem Sinto erhält Armband zurück

1941 nahmen die Nationalsozialisten dem Sinto Johann Franz im Konzentrationslager Auschwitz sein Armband ab – wahrscheinlich der einzige Besitz, den er bei sich trug. Johann überlebte das KZ als einer der wenigen aus seiner Familie. 81 Jahre später übergaben die Arolsen Archives das Schmuckstück nun seinem Urenkel Thomas. Für ihn und seine Familie beginnt mit der Rückgabe ein ganz neuer Erinnerungsprozess.

„Wenn dieses Armband sprechen könnte! Was es gesehen haben muss: Die Inhaftierung, die Transporte in die Lager. Aber eben auch das Leben vor der Haft“, sagt Thomas Franz‘ Frau Yvonne bewegt, als sie das Schmuckstück in den Händen hält. Für ihren Mann ist es die erste Begegnung mit dem Schicksal seines Uropas: „Von ihm hatte ich noch nie vorher etwas gehört. Wir wussten ja, dass mein Großvater Oskar im KZ war – aber von seinem Vater Johann wusste ich nichts. Mein Großvater sprach kaum über die Zeit im Lager. Er wollte uns damit nicht belasten.“

Thomas Franz begutachtet das Armband seines Urgroßvaters. Im Hintergrund sein Onkel Joachim.

Dokumente der Arolsen Archives zeigen Familienschicksal

Erst durch die Rückgabe des Armbands erfuhr die Familie vom Ausmaß der Verfolgung ihrer Verwandten in der NS-Zeit. Charlotte Großmann, die #StolenMemory-Projektleiterin, hatte neben dem Erbstück auch Kopien von Dokumenten aus den Arolsen Archives mitgebracht. Sie zeigen, dass die Nazis nicht nur Johann, seine Frau Ida und Sohn Oskar, sondern auch noch acht Geschwister von Oskar nach Auschwitz deportierten. Die Jüngsten waren noch Kleinkinder. „Dass er so viele Geschwister hatte, die ermordet wurden, hat Opa Oskar uns nie erzählt“, sagte Thomas Franz.

#StolenMemory-Projektleiterin Charlotte Großmann zeigt Thomas und Yvonne Franz die Dokumente der Arolsen Archives über die Familie Franz.

Vergeblicher Kampf um Entschädigung

Die Mutter Ida und sechs der Kinder wurden im „Zigeunerfamilienlager“ im KZ Auschwitz ermordet, ein Sohn starb vermutlich im Konzentrationslager Mittelbau-Dora. Nur Vater Johann und die beiden Kinder Oskar und Frieda überlebten die verschiedenen Lager. Sie ließen sich nach ihrer Befreiung in Norddeutschland nieder und kämpften nach dem Krieg lange vergebens um Entschädigung. Es war ein Hinweis aus diesen früheren Entschädigungsverfahren, der eine Mitarbeiterin der Arolsen Archives 2022 nach langen Recherchen auf die Spur der Nachkommen von Johann Franz brachte.

Die Namen von Oskar Franz und seinem Bruder Josef im Gefangenen-Hauptbuch des „Zigeunerlagers“ in Auschwitz. Josef starb wahrscheinlich im KZ Mittelbau-Dora.

Wie das Armband ins Archiv kam

Auch für #StolenMemory war die Übergabe etwas Besonderes: Die meisten verfolgten Sinti und Roma wurden in den Vernichtungslagern ermordet und ihr Besitz verwertet. Das Armband von Johann Franz ist nur deshalb erhalten, weil er im März 1943 aus dem KZ Auschwitz zur Zwangsarbeit ins KZ Neuengamme transportiert wurde. Bei solchen Transporten schickten die Nationalsozialisten die persönlichen Gegenstände mit. Diese sogenannten Effekten aus dem KZ Neuengamme wurden nach der Befreiung von der Britischen Armee sichergestellt und gelangten später in die Sammlung der Arolsen Archives.

Das Armband von Johann Franz war eines von über 2.500 Besitzstücken ehemaliger KZ-Häftlinge aus der Sammlung der Arolsen Archives.

„Die Nazis haben meiner Familie alles genommen“

Für Thomas Franz war es eine große Überraschung, dass ein persönlicher Gegenstand von seiner Familie aus der Zeit vor der Verfolgung erhalten ist. „Es ist schön und berührend, jetzt etwas in der Hand zu halten, das meinem Uropa etwas bedeutet hat und das er schon vor der Zeit im KZ besaß. Wir haben sonst nichts aus dieser Zeit. Die Nazis haben meiner Familie alles genommen.“ Auch die neuen Informationen über die Familiengeschichte würden „einen Kreis schließen“. Zum Beispiel hätte niemand gewusst, dass die Familie Franz vor 1939 in Ost- und Westpreußen lebte.

„Häftlingsart – Asozial; Hauptberuf – Musiker“: Häftlingsdokument (KZ Neuengamme) von Johann Franz.

Musik liegt in der Familie

Die Mitglieder der Familie Franz lebten in den 1920er und 30er Jahren als Schausteller und Artisten in Ostpreußen, wie die Dokumente aus den Arolsen Archives zeigen. Auch manche der Nachkommen seien bis in die 80er Jahre noch mit einem Zirkus herumgereist, erzählt Thomas Franz. Er war auch sehr berührt zu sehen, dass auf der Häftlingspersonalkarte von Johann Franz „Musiker“ als sein Beruf angegeben war: Der Großvater Oskar sei ebenfalls sehr musikalisch gewesen und alle in der Familie spielen ein Instrument. Gerade bei den großen Familienfeiern sei das gemeinsame Musikmachen sehr wichtig.

Im Familienalbum ist Großvater Oskar Franz oft beim Musizieren abgebildet.

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