Das ist
Yosef
Roksa.

Zumindest ging seine Familie ein Leben lang davon aus.
Aber … stimmte dieser Name?

Geboren als István Rokza am 10. Mai 1928 in Budapest, Ungarn. Der jüngere von zwei Brüdern.

Bildnachweis

István war Jude.

Zwangsarbeit United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of Amb. Andras Simonyi, 66092
In Ungarn herrschte im Zweiten Weltkrieg eine Regierung, die mit Nazi-Deutschland verbündet war. Sie drängte Juden aus dem öffentlichen Leben, erließ antisemitische Gesetze und deportierte Tausende jüdische Männer zur Zwangsarbeit an die Ostfront, wo viele starben.

Mit 16 war er
Lehrling in einer Fahrradwerkstatt…

… bis die Nazis ihn im Mai 1944 verhafteten.

Deportation Bundesarchiv Bild 101I-680-8285A-16
Mit der deutschen Besatzung des Landes im März 1944 begann dann die systematische Vernichtung der Juden, bei der die ungarische Regierung kollaborierte. Ab Mai erfolgten Deportationen nach Auschwitz-Birkenau.

Sie lieferten ihn in eines der Budapester Gestapo-Gefängnisse ein…

Hotel in Budapest/Svábhegy (Schwabenberg) Fortepan
Im Budapester Stadtteil Svábhegy (Schwabenberg) hatten SS und Gestapo verschiedene kleine Hotels und Villen besetzt, die sie auch als Folterkeller und Gefängnisse nutzten.

…bis er ins KZ Neuengamme deportiert wurde.

Konzentrationslager Neuengamme KZ-Gedenkstätte Neuengamme, ANg F 1981-279
István war einer von 880 Juden, die aus Budapest in das KZ Neuengamme bei Hamburg verfrachtet wurden. Die meisten Deportationen aus Ungarn gingen dagegen in das deutsche Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau: Etwa 424.000 Juden wurden innerhalb von nur 56 Tagen deportiert und die meisten von ihnen direkt ermordet.

Bei seiner Verhaftung hatte er nur zwei Dinge dabei. Ein bisschen Geld und einen Füller. Beides nahm man ihm im KZ weg.

Briefumschlag Neungamme Istvan Roksa
Originalumschlag aus dem KZ Neuengamme mit seiner Häftlingsnummer, seinem Namen und seinem aufgelisteten Besitz.

Er musste Zwangsarbeit leisten.

Jemand stieß István in eine Säge. Er verlor die Finger an seiner rechten Hand.

Kurz vor Kriegsende schickten die Nazis ihn auf einen Todesmarsch…

Todesmarsch Stadtarchiv Landsberg am Lech
Als die alliierten Streitkräfte weiter vorrückten, ließ die SS die Konzentrationslager räumen. Hunderttausende KZ-Häftlinge kamen auf diesen Todesmärschen ums Leben. Sie wurden zu Fuß durch das Land getrieben oder in Güterwaggons gepfercht. Die Wachen hatten die Anweisung, alle Häftlinge zu töten, die aus Erschöpfung nicht mehr weiterkonnten.

…in das Sterbelager Sandbostel.

Er
überlebte.

Überlebender im Stalag Sandbostel United States Holocaust Memorial Museum, 76685, courtesy of Arnold Bauer Barach
Ein ungarischer Jude im Lager Sandbostel – einer der wenigen, der nach seiner Befreiung durch die britische Armee im April 1945 in der Lage war zu laufen.

3 Monate dauerte es, bis István überhaupt kräftig genug war, das Nothospital Bergen-Belsen wieder zu verlassen.

Befreiung Bergen Belsen 1945 IWM, BU 4844
Die britische Armee versorgte die Überlebenden des KZ Bergen-Belsen und anderer Lager in der nahe gelegenen Wehrmachtskaserne – anfangs sogar im Freien.

Nur 3 Tage nach seiner Entlassung brachte ihn ein Schiff Richtung Schweden.

Schwedisches Boot "Hospital Ship" Sjöhistoriska museet, Fo88706AB
Das schwedische "Hospital Ship" Prins Carl wurde ab 1945 für die Evakuierung von KZ-Überlebenden genutzt. Das Dokument aus den Arolsen Archives zeigt, dass viele der Menschen noch so schwach waren, dass sie nur liegend reisen konnten.

Dort blieb er mindestens zwei Jahre. Danach verliert sich seine Spur…

…und findet sich im Juni 1949 in Salzburg wieder.

Übergangslager Beth Bialik JDC Archives, 25288, Al Taylor
Beth Bialik war eines von mehreren Übergangslagern in Salzburg, in denen internationale Hilfsorganisationen jüdische Displaced Persons aus Ungarn, Polen, Rumänien und der Tschechoslowakei betreuten.

Hier traf er
seinen Bruder György – auch er ein Überlebender.

Beide machten dort eine Ausbildung zum Landwirt.

Übergangscamp Beth Bialik
Diese Karte aus dem Camp Beth Bialik gibt Auskunft darüber, welchen Beruf István erlernte hatte. Eine Ausbildung erhöhte die Chance, ein Emigrationsziel zu finden.

1949 verließ István Europa. Sein Ziel war der junge Staat Israel.

Ab jetzt nannte er sich Yosef.

Wollte er die Vergangenheit hinter sich lassen? Sein neues Leben sollte auf jeden Fall mit einem neuen Namen beginnen. Als Yosef baute er sich eine Existenz auf.

Foto aus dem Besitz der Familie Rokza

Er arbeitete als Landwirt und Fernfahrer, war sehr sportlich. Fußball, Laufen, Boxen – für ihn alles kein Problem. Als junger Mann war er sogar israelischer Tischtennismeister. Und trotz seines Handicaps schrieb er mit seiner rechten Hand.

Aber über seine Vergangenheit sprach er fast nie.

Auch über den eigenen Bruder nicht mehr.

Seine Kinder und seine Frau Sarah, eine rumänische Holocaust-Überlebende, kannten ihn nur als Yosef.

Und als Yosef starb er auch 1996. Er hinterließ seine Frau, 5 Kinder und bis heute 19 Enkel und 23 Urenkel.

Foto aus dem Besitz der Famlie Rokza

Doch 22 Jahre nach seinem Tod erreichte Familie Roksa eine Botschaft aus der Vergangenheit.

Ein Umschlag. Darin ein alter Füller, der einmal einem jungen Mann gehört hat: István Rokza, Sohn von Hedwig Miriam Füllop und Anton Schlomo Rokza, Bruder von György Rokza.

Istváns Füller wird sein Enkelsohn Ravid verwahren.
Als Erinnerung an die zwei Leben, die István Yosef Rokza führen musste.

Zu Istváns Archivseite

Schul- und Bildungsprojekte

Die „Effekten“ und die Schicksale ihrer Besitzer sind greifbar und bieten spannende Möglichkeiten für ein forschendes Lernen über die NS-Verfolgung im Unterricht wie in Projekten. Wer tiefer einsteigen möchte, kann dabei helfen Familien zu finden.

Thematischer Einstieg

Was sind Effekten und was können wir mit ihnen erforschen? Material für einen kurzen Einstieg in die Thematik zu Beginn einer Schulstunde oder eines Projekttags. (verfügbar ab 09/2020)

Lerneinheit 1

Auseinandersetzung mit der NS-Verfolgung am Einzelschicksal: Lerneinheit zu den drei unter „Memories“ präsentierten Personen; Erarbeitung eines Zeitstrahls. (verfügbar ab 09/2020)

Lerneinheit 2

Effekten von KZ-Häftlingen als Schlüssel zur Untersuchung der NS-Verfolgung: Vertiefende Lerneinheit mit Dossiers zu 20 Biographien und einer Europakarte (verfügbar ab 09/2020)

Lerneinheit 3

Mithelfen bei der Rückgabe! Instagram-Postings zur Unterstützung der Suche nach Angehörigen: Lerneinheit mit interaktiver Karte; eigene Suchaufrufe verfassen. (verfügbar ab 09/2020)

Über uns

Auf unserer Website könnt ihr mehr über unsere Arbeit erfahren. Und wie ihr mitmachen könnt, um die Erinnerung und Geschichte wachzuhalten.

Arolsen Archives

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